"Wir funktionieren da, glaube ich wirklich, akustisch assoziativ bei vielen Dingen." - Ein Gespräch mit Radio Row
Frühjahr 2009 in Mainz per Skype mit Erlangen verbunden. Sascha Förster spricht mit Romy Albrecht und Wolfgang Horn von Radio Row über deren Hörspiel Radio Row’s Theathör d’Audiophiles. Radio Row haben sich auf das Gespräch eingestimmt: Wolfgang trägt seine Heiner-Müller-Gedächtnisbrille und Romy zündet sich eine Zigarette an, um intellektueller zu wirken. Auch wenn das hier nicht zu sehen ist, so stellt Romy fest: „Es geht auch um’s Wie.“
Sascha: Es freut mich, dass wir uns noch einmal zusammen finden konnten, um über euer Hörspiel Radio Row’s Theathör d’Audiophiles zu reden, das ihr das erste Mal im Rahmen unserer Tagung präsentiert habt. Vielleicht erklärt ihr zu Beginn den Lesern der Publikation, wie sie sich das Hörspiel vorzustellen haben.
Wolfgang: Romy, soll ich erstmal die Struktur des Ganzen erklären und dann du, wie wir den ersten Teil gemacht haben?
Romy: Ja.
Wolfgang: Grundlage für das Hörspiel war die Idee, dass wir meine Magisterarbeit Spielarten literarischer Adaption in akustischen Medien: Paradiesische Zustände für den Theatertext im Hörspiel als Hörspiel umsetzen wollten. Wir haben uns eben überlegt, dass wir diese Magisterarbeit behandeln wie einen Theatertext als grobe Vorgabe. Wir haben den Text der Magisterarbeit dann unterteilt in fünf Akte mit einer Zueignung und einem Epilog und so weiter. Dann haben wir überlegt, dass wir jeden dieser Akte in einer anderen Hörspielform umsetzen könnten. Für den ersten Akt haben wir uns für das O-Ton-Hörspiel entschieden.
Romy: Der erste Teil unseres ersten Aktes ist auch eine ziemlich interessante Sache, da hat uns nämlich eigentlich interessiert, was im Hörspiel passiert, wenn das Bild wegfällt, also auch der Zuhörer nicht weiß, was in dieser Situation eigentlich passiert. Soll ich jetzt noch was dazu erzählen, wie das entstanden ist (lacht)?
Wolfgang: Ähm...
Romy: Vielleicht besser nicht, oder?
Wolfgang: Du kannst vielleicht eher auch erzählen, wie wir unsere O-Töne gemacht haben und wie wir mit denen umgegangen sind und so.
Romy: Also, das Hörspiel ist eigentlich großteilig in Zürich während einer Reise entstanden und da haben wir einfach mal alles aufgenommen, was uns in den Kopf gekommen ist. Das sind Auszüge von der Zugfahrt, wo wir den Text einfach mal so ad hoc eingesprochen haben, es sind Kommentare dabei, wo wir im Hotel angekommen sind. Es gibt eine Passage, wo wir den ganzen Text ad hoc auch übersetzt haben, ich auf Englisch und Wolfgang auf Französisch. Es ist auch ein recht spontaner Umgang mit dem Text gewesen, mal weg von diesem: Wir machen jetzt ein Hörspiel und es ist alles clean, das ist alles in der Sprecherkabine aufgenommen. Sondern wir wollten eigentlich so einen ganz rauen Sound haben, also so etwas Ungekünsteltes, den Anfängen des Hörspiels eigentlich entgegen Laufendes.
Wolfgang: Das Wichtige ist, glaube ich, dass wir eben diese verschiedenen Reflexionsebenen haben oder überhaupt drei verschiedene Ebenen haben, wo wir einmal den Text nur einsprechen, wie er da steht, dann die Passagen, wo wir übersetzen und dadurch ja wieder zu Gesprächen über einzelne Wortbedeutungen kommen, oder Satzbedeutungen oder überhaupt Bedeutungen. Und dann eben immer auch eine Ebene, wo wir allgemein über das Hörspiel sprechen oder was wir damit vorhaben. Und dass wir die unterschiedlichen Ebenen dann alle miteinander verbunden haben.
Das Allerwichtigste ist natürlich auch unser Jingle als Bruch mittendrin, der dann einfach ganz aus dem Rahmen fällt und ganz anders produziert ist als die O-Ton-Teile. Der hat dann eben so den Charakter von Werbejingles oder Kinotrailern.
Sascha: In der Publikation wird es uns ja immer wieder um den Bezug zu Paradiesischen Zuständen gehen und ich würde gerne mit euch versuchen, den Umgang mit diesen Zuständen auch in eurem Hörspiel zu finden. Mich würden da zum Einen die unterschiedlichen Reflexionsebenen interessieren, im Sinne dieses Jingles als Bruch und auch im Sinne deiner Magisterarbeit würde ich gerne auf den Bezug zum Postdramatischen Theater eingehen, dann würde mich der von Romy benannte Bildwegfall interessieren und inwiefern das Belauschen hier zu einer Art akustischem Voyeurismus wird. Und das finde auch am spannendsten, diesen Prozess des Belauschens – weil das einerseits die medialen Bedingungen des Hörspiels und von Akustik allgemein thematisiert, aber andererseits geht es dabei immer auch um eine Neugier im Sinne von: Was machen die da eigentlich?
Wolfgang: Dann wäre es vielleicht doch gar nicht schlecht über das Intro zu reden. Der erste Teil hieß produktionsintern GV, weil wir beim Durchhören des Materials den Eindruck hatten, das würde sich so anhören, als hätten wir übelsten Geschlechtsverkehr. Wir fanden es ganz lustig, dass das, was man hört und was in Wirklichkeit passiert ist, hier so weit auseinander geht...
Romy: Gehen kann. Es liegt in der Fantasie des Zuhörers, was da passiert.
Wolfgang: Ja, vielleicht liegt das auch an unserer kranken Fantasie.
Romy: Ja, wahrscheinlich.
Wolfgang: Wir haben das dann einfach als Intro dem Ganzen vorangestellt, weil es einfach so ein schönes Beispiel dafür ist, wie entstellend vielleicht sogar der Wegfall des Bildes sein kann. Kann man das so sagen?
Romy: Ja, unter Umständen.
Wolfgang: Diese erste Passage ist auf jeden Fall nur ein Stück, wo wir gerade verzweifelt versuchen, das Salsa-Dip-Glas zu unseren Chips zu öffnen und wir große Schwierigkeiten damit haben. Wir sitzen da beide gerade auf dem Bett und das Mikrofon liegt auch einfach auf dem Bett und da sind auch sehr interessante Geräusche einfach entstanden. Das ist alles nur nebenbei passiert und als wir das Material dann durchgehört haben, hat uns die ganze Szene so gut gefallen, dass wir sie erstmal dem ganzen Hörspiel voransetzen wollten.
Romy: Auch als Denkanstoß: Was ist das Hörspiel eigentlich? Was macht das Hörspiel? Was kann das Hörspiel?
Wolfgang: Das kommt dann, glaube ich, auch ganz gut zu dem, was du mit dem Voyeurismus gesagt hast. Das ist ja schon eine Passage, wo wir uns selbst durch das Mikrofron belauschen und das ja auch ein Teil ist, der ursprünglich nicht gedacht war. Das war die Grundvoraussetzung, dass alles in das Hörspiel reinkommen kann, was wir da aufnehmen – das waren dann einfach wir, wie wir versuchen, ein Glas aufzumachen.
Romy: Es war ein glückliches Nebenbei-Produkt.
Wolfgang: Ja, genau.
Romy: Das ist uns erst während der Produktion aufgefallen, dass das ja eigentlich ganz gut passen könnte.
Sascha: Inwiefern könnte hier der Begriff Entzug – im Sinne eines Entzugs des Paradieses – mit reinfallen? Vielleicht auch in Anbindung an ein ohnehin gegebenes Phänomen mit dem Belauschen. Keine Ahnung, wie das euch geht. Aber wenn ich irgendwas hören kann, dann belausche ich auch. Man kriegt dann ja nie die wirkliche Antwort, denn sobald einem das Bild fehlt...
Wolfgang: Meinst du jetzt zum Beispiel, den Nachbartisch im Café zu belauschen, wenn die sich unterhalten oder dass man bei Handytelefonaten im Zug immer zuhören muss...
Sascha: Ja, genau, oder im Nebenraum.
Wolfgang: Aber was hat das für dich mit paradiesischem Zustand zu tun?
Sascha: Der paradiesische Zustand vielleicht als derjenige, nachdem man da strebt, also, dass ich erfahren will, über was da gesprochen wird. Und das kriege ich eigentlich nicht. Das kriege ich bei euch ja auch nicht, ich als Zuhörer erfahre ja nicht, was ihr da macht. Ich habe zwar das Gefühl – auch später dann – ihr seid die ganze Zeit am Fressen und Trinken, aber ich weiß zum Beispiel einfach nicht, was ihr esst und trinkt.
Wolfgang: Wir setzen den paradiesischen Zustand jetzt also einfach mal als etwas Ganzheitliches: Dass ich weiß, worum es geht; dass ich das ganze Bild habe. Und das verwehren wir quasi dem Zuhörer, weil wir das einfach voranstellen und nicht erklären, was eigentlich passiert?
Sascha: Genau.
Wolfgang: Gut, das haben wir uns eigentlich gar nicht dabei gedacht, oder?
Romy: Ich weiß auch nicht, ob man den paradiesischen Zustand unbedingt damit gleichsetzen muss, dass der Hörer erfährt, was da wirklich passiert ist. Vielleicht ist es ja auch ganz paradiesisch, sich selbst Gedanken zu machen und ein eigenes Bild zu bauen. Vielleicht ist das am Ende auch viel spannender, als das, was wirklich passiert ist. Das finde ich immer ganz spannend bei solchen Sachen, dass man sich so einen eigenen Ablauf dann im Kopf zusammenbaut. Oder vielleicht nicht mehr so interessant ist, was da vielleicht wirklich passiert ist.
Wolfgang: Wenn ich mir jetzt vorstelle, wir hätten dann irgendwann erklärt, was wir da gemacht haben, wäre das ganze Ding ziemlich langweilig geworden.
Sascha: Paradiesische Zustände dann also eher im Sinne der eigenen bildhaften Assoziation des Zuhörers, inspiriert durch die Töne und Geräusche, die er in eurem Hörspiel hört.
Wolfgang: Genau. Vielleicht mehr in dieser Freiheit, was man da alles drin sehen kann, in dem, was man hört.
Sascha: Da kann man ja vielleicht auch zum Postdramatischen oder Undramatischen kommen, weil das eigene assoziative Material... Wo war ich jetzt noch mal?
Wolfgang: Weiß ich nicht, aber Assoziation ist doch ein gutes Stichwort, weil das hatten wir doch auch mal beim Produzieren. Wie hast du das genannt, Romy? Das mit dem assoziativ...
Romy: Oh Gott, wie war denn das?
Wolfgang: Jaja, weil das war nämlich genau das, das mit dem Assoziativen... Daher kommt ja auch dieses Theathör d’Audiophiles von Créateur d’Automobiles.
Romy: Akustisch assoziativ. War das nicht so?
Wolfgang: Genau. Also, so haben wir das beschrieben, was wir machen; dass wir akustisch assoziativ vorgehen. Und das oft auch über dem Inhalt steht. Weil zum Beispiel Theathör d’Audiophiles hat ja auch nichts mit Autos zu tun.
Romy: Bei diesem Titel ging es hauptsächlich nach dem Klang und nach den Silben, die das hat. Wir haben stundenlang nach einem Titel gesucht, du, Wolfgang, hast dann angefangen mit Theathör und dann bin ich auf Créateur d’Automobiles gekommen, auf diesen Slogan. Und dann habe ich das Créateur durch Theathör ersetzt und dann haben wir nach etwas gesucht, das so ähnlich klingt...
Wolfgang: ...und was natürlich schon auch mit Akustik zu tun hat.
Romy: So sind wir auf unseren Titel gekommen. Wir funktionieren da, glaube ich wirklich, akustisch assoziativ bei vielen Dingen.
Wolfgang: Ich weiß gar nicht, ob das jetzt die Frage war?
Sascha: Ich wollte eher thematisch zu deiner These kommen, Wolfgang, dass das Hörspiel ein paradiesischer Zustand für den postdramatischen Theatertext ist.
Wolfgang: Wir können das in dem Hörspiel, das wir hier machen, jetzt nicht direkt zeigen, weil wir ja nicht wirklich einen Theatertext haben...
Sascha: ... aber einen undramatischen allemal.
Wolfgang: Da ist es dann eher so, dass der Text, den wir benutzen, diese Thematik behandelt. Wir können das mit dem Hörspiel jetzt auch nicht beweisen, diese These. Worum es eigentlich auch geht und was man mit dem Hörspiel zeigen kann, was dann auch wieder mehr mit dem Hörspiel zu tun hat, ist, dass jeder Text ein Hörspiel werden kann – vom Beipackzettel bis zum Shakespeare-Drama. Das zeigt, dass auch eine Magisterarbeit ein Hörspiel werden kann – gerade weil wir den Inhalt nicht immer an erste Stelle stellen, sonst würden wir ein Feature machen, sondern dass wir eher assoziativ Worte und Klänge collagieren. Natürlich lassen wir den Inhalt nicht außen vor, aber den stellen wir gerne manchmal hinten an, damit es sich gut anhört.
Sascha: In gedanklichen Ausführungen zur Form der Performance Lecture, an die mich euer Hörspiel auch erinnert, findet Beweisführung ja im performativen Vollzug statt – also, wenn ihr beispielsweise die medialen Bedingtheiten des Hörspiels selbstreferentiell ausstellt.
Wolfgang: Man kann auf jeden Fall sagen, dass mich das schon interessiert, diese Bedingungen des Mediums auch auszustellen – ich weiß nicht, wie es dir da geht, Romy? Ich mag das gerne, wenn man es rauschen hört oder dieses Störgeräusch vom Handy mit drin zu lassen, teilweise dann auch als Übergangssound zu nehmen. Worauf lief jetzt die Frage hinaus?
Sascha: Noch war es meinerseits eigentlich gar keine richtige Frage...
Wolfgang: Dass durch die Form quasi der Inhalt, der gezeigt werden soll, bewiesen wird?
Sascha: Ja, dass es einher geht oder sich gegenseitig ergänzt. Mir fehlen jetzt die Begriffe, um es für das Hörspiel fassen zu können. Aber im Theater wäre es das theatrale Spiel und die semantische Ebene im Text – und im Vollzug des Spiels in der Performance Lecture zum Beispiel würde etwas, das semantisch im Text vermittelt wird, nachvollziehbar, also auf zwei Ebenen. Bei euch ist das ja auch irgendwie drin, gerade in den vielen Ebenen, die ihr habt. Insofern finde ich eure These der Wissensvermittlung, wie ihr sie auf eurer MySpace-Seite herausstellt, etwas, das man weiterverfolgen kann.
Wolfgang: Das glaube ich auch. Wir haben es ja nicht eins zu eins gemacht, da haben wir uns ja irgendwann bewusst dagegen entschieden, dass wir nicht den Part, in dem es ums chorische Sprechen geht, auch chorisch machen – das hätten wir ultra öde gefunden, vor allem, weil man sich dann immer auch in Konkurrenz setzt zu den Vorbildern. Was die Wissensvermittlung angeht, haben wir nicht so ein didaktisches Gefühl in uns, dass wir jetzt sagen: „OK, jetzt zeigen wir Ihnen den chorischen Inhalt auch chorisch in der Form.“ Der erste Akt ist ja als O-Ton-Hörspiel jetzt auch nicht durch den Text motiviert, aber man kann andererseits auch sagen, da es ja eher so ein Überblick über die Hörspielgeschichte ist und da auch Reportagen oder Dokumentationen über historische Themen in O-Ton-Form, ist es ja nicht so ganz abwegig. So kann man dann den Bezug auch schon wieder finden, aber wir wollten es auf keinen Fall so eins zu eins machen. Ich glaube auch, dass es eine gute Form der Wissensvermittlung ist, aber gerade, weil es nicht eins zu eins ist.
Sascha: Gerade weil es ein Spiel unterschiedlicher Assoziationen ist, scheint es mir eine gute Möglichkeit.
Wolfgang: Ich hoffe auch, dass die Rezeption bei vielen Zuhörern, sicher nicht bei allen, auch so assoziativ funktioniert wie bei uns. Ich weiß nicht, ob irgendjemand bei Theathör d’Audiophiles überhaupt auf Créateur d’Automobiles kommt. Aber wenn einer drauf kommt, dann würde mich es freuen.
Romy: Der Zuhörer freut sich dann bestimmt auch. Um noch mal auf etwas zurückzukommen, das du bereits gesagt hast, uns ging es auch darum, das mal alles auszunutzen, was das Hörspiel so kann und wegzukommen vom diesem cleanen Sound, den das Hörspiel sonst immer hat – dass man auch das Rauschen und die Störgeräusche hört und das auch mal mit Alltagskommentaren unterlegt, wo eben nicht jedes Ähm und jedes Stocken herausgeschnitten ist; zu zeigen, dass das auch interessante Klangerlebnisse ergeben kann. Und da liegt auch ein Entwicklungsfeld im Hörspiel, dass, wie ich finde, bisher gar nicht so genutzt worden ist: Das man auch mal auf das Unperfekte geht und sich damit neuen klanglichen Erlebnissen öffnet.
Wolfgang: Wenn man Hörspiel macht, muss man einfach mediengerecht sein und dass waren wir in dieser Form auf jeden Fall. Und das ist eine gute Grundvoraussetzung, die Technizität des Mediums zu akzeptieren und dann ist man schon mal auf jeden Fall sehr nah am Medium dran, finde ich. Dieses Unperfekte, dieses Ungestellte, es also einfach so roh zu belassen, finde ich interessant.
Sascha: Das hat für mich auch gut funktioniert, dass es eben diese Strategien des Nicht-Perfekten gibt in eurem Hörspiel. Möglicherweise ist das Nicht-Perfekte ja auch wieder so eine Abkehr vom Paradiesischen, wenn man einfach mal annimmt, dass eine perfekte Aufführung ein paradiesischer Zustand wäre. Gerade am Anfang bei eurem Intro ist auch zu hören, wie da ständig was gegen das Mikro kommt, weil das scheinbar auf einem Bett liegt. Oder auch dieser verzweifelte Versuch, bei der Übersetzung des Textes bestimmte Worte in der fremden Sprache zu finden.
Wolfgang: Dass man eben das Nachdenken hört.
Sascha: Das bringt dann auch wieder ein anderes Gefühl in das Hörspiel, weil es eine andere Art der Nähe zu euch Hörspielenden, Hörspielsprechenden produziert...
Romy: ... und -machern. Das ist ein Stück weit auch so, dass man den Produktionsprozess damit offen legt und offen lässt und nacherfahrbar macht. Dass also nachvollziehbar wird, wie bestimmte Dinge zustande gekommen sind, dass es eben nicht immer kaschiert wird.
Wolfgang: Weil du gerade auch die Nähe zu den Machenden ansprichst: Ich finde es auch ganz interessant, dass man auf den unterschiedlichen Ebenen uns unterschiedlich nahe ist. Weil wir auch im Laufe der Zeit unverkrampfter geworden sind, vielleicht auch mit dem Mikrofon zusammen quasi. Ich glaube, dass es schon Passagen gibt – wie die mit dem Aufmachen von diesem blöden Glas oder wo wir nur auf dem Bett liegen und uns darüber unterhalten, wie das Hörspiel denn heißen könnte und solche Sachen – wo wir wirklich auch nicht mehr dran gedacht haben, dass das Mikro jetzt da liegt und mitläuft. Der Teil im Zug, wo wir den Text noch einsprechen, da wird das natürlich schon mit einer gewissen Haltung gesprochen, das ist ja vorgetragen quasi – es gibt also schon verschiedene Ebenen.
Sascha: Mir ging es so, gerade als ich das Hörspiel zum zweiten Mal gehört habe, dass mir da gerade ganz viele Strategien des zeitgenössischen Performance-Theaters aufgefallen sind. Da ist es wegen der leiblichen Ko-Präsenz natürlich viel leichter zu sagen, was das mit dem Zuschauer macht. Und ich überlege, wie man diese Beobachtungen auf euer Hörspiel anwenden kann. Und wie das das Verhältnis vom Zuhörenden zum Sprechenden auslotet, wie das also etwas „Anderes“ reinkommt als beim Hören eines cleanen Hörspiels – etwas, das vielleicht über das reine Hören hinausgeht.
Wolfgang: Beschreib mal genauer, was meinst du?
Sascha: Im zeitgenössischen Performance-Theater wird ja immer mehr mit einer dilettantischen oder nicht-perfekten Darstellung gearbeitet, heißt dort aber meines Erachtens, dass eine Nähe produziert werden soll, mit der der Zuschauer sich zum Akteur auf der Bühne in ein anderes, vielleicht intensiveres Verhältnis setzen soll als bei perfekten schauspielerischen Darstellungen im eher „klassischen“ Theater. Selbstreferentialität und das Ausstellen des Produktionsprozesses stellt die Präsenz auf eine andere Art und Weise aus und betont, das ist ein realer Mensch, das ist ein Mensch, der hier auf der Bühne nicht repräsentiert.
Wolfgang: Der Vorteil bei uns war eben, dass wir uns über solche Dinge gar nicht so viele Gedanken gemacht haben, weil wir irgendwann für uns auch beschlossen haben, dass wir, vor allem bei dieser Produktion, mit dem arbeiten müssen, was da ist. Und es sind nur wir beide da. Wir fänden es blödsinnig uns Schauspieler oder Sprecher zu holen, die Texte einsprechen, das interessiert uns nicht. Wir haben für uns jetzt eigentlich beschlossen, dass wir alles machen: Wir versuchen, Texte zu schreiben, zu finden, irgendwie zu kreieren, wir sprechen die selber, wir produzieren das Ganze selber. Das heißt, dass natürlich das fertige Hörspiel immer auf uns verweist und damit auch auf die Produktion, weil: wir sind die Produktion. Das meinst du wahrscheinlich mit dem Selbstreferentiellen und dem Ausstellen des Prozesses. Und natürlich repräsentieren wir nicht, wir werden das sicherlich auch mal versuchen...
Romy: Da würde ich jetzt vorsichtig sein. Es ist natürlich so, dass unsere Persönlichkeit in Momenten, wo uns das Mikro nicht mehr so bewusst war, durchscheint, aber die Frage ist ja, wie viel Authentizität steckt dann wirklich drin. Mit so was bin ich dann immer vorsichtig, weil man spielt ja eigentlich doch auch immer. Aber das würde uns jetzt wahrscheinlich in eine stundenlange Diskussion führen.
Sascha: Aber gerade diese Strategien des Nicht-Pefekten behaupten ja so eine Authentizität.
Romy: Behaupten auf jeden Fall, ja.
Wolfgang: Das meinte ich ja mit diesen unterschiedlichen Ebenen im Hörspiel. Es gibt schon so Passagen, die „authentisch“ sind, nenne ich das jetzt mal...
Romy: Aber trotzdem ist das Mikro ja immer dabei und selbst wenn man es vergisst, ist es im Hinterkopf präsent.
Wolfgang: Ja, genau. Deshalb meinte ich, dass die Passagen, wo wir im Zug sitzen und den Text einsprechen, die mit einer gewissen Haltung gesprochen werden und es gibt kurze Passagen, wo wir die Authentizität vielleicht nicht nur behaupten, sondern sie auch da ist, aber ich denke, dass der Zuhörer das gar nicht immer unterscheiden kann, welche die echten Momente sind und welche die nur behauptet echten. Aber natürlich geht es um keine illusionsmäßiges Als-ob und Repräsentieren.
Sascha: Was vielleicht ein letzter Punkt wäre, auf den ich euch ansprechen wollen würde oder den ich als Schlagwort in eure Diskussion bringen möchte: der Begriff Zerstreuung. In dem Sinne, dass bei der Tagung ein Teilnehmer gesagt hat, dass er es besser finden würde, wenn ihr stringenter eine Sache verfolgen würdet und nicht so viel parallel passiert. Was ich aber sehr gut finde, also, dass es so viele Klangräume gibt und man das Hörspiel eigentlich mehrmals hören muss, um das Einzelne für sich zu entdecken oder dass man sich beim ersten Hören entscheiden muss, höre ich mir jetzt die reflexive Ebene an oder lausche ich, was die da schon wieder essen. Wie wichtig ist so etwas für euch gewesen, das ich hier als Zerstreuung zusammenfassen würde?
Romy: Ich finde das extrem wichtig. Wenn da nur eine Ebene zu verfolgen ist, finde ich das zu langweilig. Wir sind unserer heutigen Gesellschaft sowieso alle multitaskingfähig und reizüberflutet... dann spiegelt das auch das Hörspiel wieder. Das ist auch das, was ich daran interessant finde, dass man es mehrmals hören und trotzdem noch was Neues entdecken kann, auch an Parallelen zwischen den einzelnen Ebenen, wo sich vielleicht auch Berührungspunkte ergeben.
Wolfgang: Unsere barocke Brei-Ästhetik.
Sascha: Barocke Brei-Ästhetik?
Wolfgang: So haben wir das halt einfach oft genannt, wenn wir anfangen, Sachen erstmal einfach wahllos übereinander zu legen, verschiedene Spuren und dann erst merken „ach ja, das passt...“
Romy: So ist auch der Radio-Row-Jingle entstanden. Ich habe einfach wahllos visuell etwas auf die Tonspuren hingeschoben und habe zu Wolfgang gesagt: „Guck mal, das ist jetzt unser fertiger Jingle, ich spiel’s mal ab.“ Und dann habe ich das Ding abgespielt und dann waren wir so: „Ja, der ist jetzt fertig.“ So passiert das ganz oft, wenn wir produzieren – also, dass wir die Sachen visuell auf den Tonspuren irgendwo hinlegen und es passt dann einfach.
Wolfgang: Das ist natürlich der ganzen digitalen Technik geschuldet, dass man im Audioschnitt manchmal mehr visuell arbeitet als akustisch. Aber dieses Übereinanderlegen, Überlagern von Spuren: Meistens empfinde ich es so, dass eine Spur für sich viel zu langweilig wäre. Und wenn ich beim ersten Mal Hören irgendwie nur zwei der vier Spuren gerafft habe, na dann muss ich beim nächsten Mal halt nochmal hören und mir die anderen beiden näher ans Ohr holen. Wir machen das ja auch nicht wahllos. Wir haben bei dem Stück uns schon ganz dezidiert entschieden, was im Vordergrund sein soll und was der Zuschauer an den jeweiligen Stellen hören soll. Aber wir haben ihm trotzdem das andere nicht ganz weggenommen. Was die Struktur angeht, finde ich es in dem Hörspiel gar nicht so zerstreut, weil es an sich schon wieder eine pedantische, zwänglerische Form hat: Wir haben diese ganz klare Einteilung in diese Ebenen, im ersten Teil vor dem Jingle das Einlesen des Textes, die Übersetzung und das Gespräch über das Hörspiel. Und nach dem Jingle ist es dann ganz klar strukturiert durch diese Schaffnerdurchsagen im Zug und da haben wir dann auch wieder die Ebenen des Textes, der eingelesen wird, und die Situation im Tonstudio, wo wir uns unterhalten. Da haben wir ja auch eine Struktur, die ganz klar bis zum Ende eingehalten wird.
Sascha: Zerstreuung ist vielleicht nicht ganz der richtige Begriff. Aber es ist ja schon so, dass, wenn man es hört, man mitkriegt, dass da im Hintergrund immer noch dieses private Gespräch ist, das ich belauschen will und da fällt es zumindest schwer, einen klaren Fokus zu setzen. Das finde ich aber gut und einen Vorteil des Hörspiels, dass es mir Entscheidungen freistellt. Gerade, wenn man sich entscheidet, das private Gespräch zu verfolgen, wird das ja immer schwieriger, weil da noch andere Ebenen drüber sind und das würde ich schon als eine Art Zerstreuung bezeichnen wollen.
Wolfgang: Ja klar, das ist auf jeden Fall so, dass es diese Überlagerungen gibt, das ist ja auch der Vorteil beim Hören. Beim Gucken musst du dich ja fokussieren, um irgendwas vernünftig sehen zu können, du kannst aber mehrere Sachen parallel hören. Obwohl wir natürlich versuchen, Einfluss zu nehmen, was in welchem Moment vorrangig sein soll, aber das andere ist, wie gesagt, immer auch noch da.
Radio Row